Erfahrungsbericht von Gisela Bauer, Marburg.
In drei von den in den letzten eineinhalb Jahren erschienenen Akzente-Heften habe ich mich deutlich wiedergefunden, bzw. habe ich mir Hinweise zunutze gemacht.
Als erstes war es der Artikel von Dorothea Böhm zu Emoflex, einer alternativen
Heilmethode (Heft 4/2010). Bald danach erschien der Bericht von Helga Simchen zu ADHS bei über 60-jährigen, zu denen ich gehöre (Heft 2/2011). Zuletzt fühlte ich mich den Gedanken von Uwe Metz sehr verbunden, weil ich auch Christ bin, wohl ähnlich impulsiv und mich oft in der Begeisterung überschätzend wie Petrus damals (Heft 3/2011). (hier wird auf die Zeitschrift “neueAkzente” des ADHS-Deutschland e.V. Bezug genommen. Anmerkung, J.Drischel)
Weichenstellend war für mich der Artikel von Dorothea Böhm über Emoflex . Als ich vor 1 ¼ Jahren diese Hinweise gelesen hatte, bin ich zum nächsten möglichen Schnuppertag gefahren und habe eine weitere Woche später mit der Ausbildung bei Johannes Drischel begonnen. Inzwischen wende ich Emoflex bei mir selbst und im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeiten mit überraschenden Erfolgen an. Zunächst jedoch hat Emoflex mir ganz persönlich geholfen. Ich hatte, seit ich denken kann, eine „Weißkittelphobie“. Schon ein Belastungs-EKG machen zu lassen war für mich nicht möglich. Sobald ich nur die Arzthelferin mit den Schnüren auf mich zukommen sah, stieg mein Puls auf 130, was eine medizinisch aussagekräftige Untersuchung unmöglich machte. Schon länger stand eine Hüft-OP an; ein bis dahin unvorstellbarer Gedanke. Vermutlich hatte sich das Eingipsen wegen einer Hüftluxation im 2. Lebensjahr so stark traumatisierend in meine Seele eingebrannt, dass alles „medizinisch an meinen Körper rankommen“ bis dahin heftige Panik auslöste. Es war, wie Dorothea Böhm beschreibt, so, dass der Verstand wusste, dass mir nichts geschieht und ich mich auf das Fahrrad in der Arztpraxis setzen konnte, aber in der Tiefe hatte sich das Gefühl noch nicht ändern können, wie an dem Puls deutlich wurde. Mit anderen, durchaus etablierten Therapieverfahren war dieser Angstreaktion als Ausdruck der Seele bis dahin nicht beizukommen gewesen, obwohl ich im Lauf der Jahre einiges versucht hatte.
Im Jahr 2011 habe ich dann sieben Seminare zur Anwendung von Emoflex besucht und einige Einzelsitzungen genommen. Das Ergebnis war verblüffend. Ich konnte mich im Sommer 2011 zur OP im Oktober desselben Jahres anmelden. Die nötigen Voruntersuchungen konnten gemacht werden, ohne dass die bis dahin nicht wegzudenkenden Überreaktionen eintraten. Auch andere Blockierungen im med. Bereich, die über Jahre zur Vermeidung von anstehenden Untersuchungen geführt hatten, waren nicht mehr wirksam. Die erste neue Hüfte sitzt gut, die zweite Hüft-OP befindet sich in der Planung.
Daher danke ich der Redaktion von Akzente aufrichtig für das Abdrucken des in vielerlei Hinsicht sehr hilfreichen und aufklärenden Artikels von Dorothea Böhm und kann nach meinen Erfahrungen nur Mut machen, sich der Wirkung und Anwendung von Emoflex zu nähern, sich bei Bedarf behandeln zu lassen oder auch die Methode zu erlernen, um auch anderen Menschen damit nützlich sein zu können.
Nun zu dem Artikel von Helga Simchen. Ich bin 60, mein Mann 62 Jahre alt. Ich hatte in den bisherigen langen Jahren meiner pädagogischen Tätigkeit viel Erfahrung mit von ADS betroffenen Kindern gemacht, habe aber auch meine eigenen und die Besonderheiten meiner Eltern überdacht. Diese vielerlei Beobachtungen weckten in mir den Verdacht, evtl. selbst Betroffene zu sein. Dieser Verdacht wurde in der Diagnostik vor ca 8 Jahren bei mir selbst und auch bei meinem Mann bestätigt. Wir nehmen seitdem Medikamente und stehen z.Zt. Beide noch im Beruf , mein Mann als Lehrer und ich als Sozialpädagogin und in eigener Praxis für Psychotherapie auf HP- Basis. Ob wir unsere Berufstätigkeit ohne die Diagnose, die uns dazu verhalf, zu verstehen, warum wir sind, wie wir sind, ohne die Medikamente, ohne die hilfreiche Beratung durch unseren Arzt, der uns zur Annahme unserer Schwächen, zum Nutzen der Stärken und zum Einüben von Veränderungen ermutigt hat, wage ich zu bezweifeln.
Hier ein Rückblick auf unser bewegtes ADHS-Leben:
Wir sind in diesem Jahr 39 Jahre verheiratet, haben davon aber bisher nur die ersten 3 Jahre ohne Kinder im Haushalt gelebt. Neben unseren ´normalen` Pflichten (wir haben 3 erwachsene Kinder) in Familie und Beruf haben wir uns mit vielen weiteren Aufgaben vollgepackt. Mit 25, bzw. 26 Jahren nahmen wir als erstes fremdes Kind einen 11-jährigen Jungen aus einem Heim bei uns auf. Sechs weitere Kinder haben danach noch über die Jugendhilfe im Rahmen der Familienintegrativen Erziehung zwischen ein und vierzehn Jahre bei uns gelebt. Ich war dabei die angestellte Pädagogische Fachkraft. Diese Arbeit mit den Kindern, aber auch das der jeweiligen Situation angemessene Einbeziehen ihrer Eltern hat mich stets neu herausgefordert und begeistert. Kein Tag war wie der Vorherige; anderen Menschen konnte ich auch gut Strukturierungshilfe geben, hier war mein Hyperfokus, aber das Strukturieren meiner selbst, die täglichen Alltagskleinigkeiten bekam ich nur schlecht in den Griff. Mit dieser Art zu arbeiten habe ich mich vermutlich vor der unangenehmen Situation geschützt, Langeweile empfinden und am Ende neu überlegen und entscheiden, oder auch die vielen liegengebliebenen Dinge erledigen zu müssen; sicher eine intuitive Form der Selbstbehandlung, in der aber meine Stärken durchaus auf sinnvolle Weise ausgelebt werden konnten.
Nachdem ich dann diagnostiziert war und Medikamente einnahm, konnte ich in einem Urlaub ohne Kinder erstmals in meinem Leben das Gefühl von Entspannung wahrnehmen. Ich hatte in der folgenden Zeit immer wieder die Ermahnung meines Arztes im Ohr: „Wenn Sie aufgrund der Medikamente Ihre individuell belastenden Seiten des ADHS weniger spüren, füllen Sie diese Freiräume nicht wieder mit neuer Aktivität, sondern planen Sie Pausen ein, sonst glühen Sie durch.“ Ich wollte seinen guten Rat befolgen, aber das Verändern meines Arbeitspensums hat Jahre gebraucht, denn intensive, langjährige Beziehungsarbeit mit Menschen lässt sich nicht beliebig verändern oder gar abbrechen. Inzwischen ist die Arbeit mit aufgenommenen Kindern am Auslaufen. In der Familie lebt jetzt nur noch eine Jugendliche, aber wo Bindungen zu den inzwischen ausgezogenen Kindern entstanden sind, bleiben die Kontakte oft weiterhin sehr intensiv.
In der Phase, als ich meine ´rund um die Uhr`-Tätigkeit am ´herunterfahren` war, erlebte ich auch das krisenhafte Gefühl von: Wenn das Eine nicht mehr ist, was ist dann? Meine ´Hummeln im Hintern` und die vielen Ideen, aber auch das Chaos im Kopf, trotz der Medikamente, brauchten irgendwo einen neuen Anker, der zu meiner jetzigen Kraft und dieser Altersphase passte. Da ich meine Visionen von Weiterentwicklung dessen, was bisher an Hilfsangeboten für Jugendliche zur Verfügung steht, nicht für mich behalten konnte, stieß ich auf ein kleines Team, das schon am Entwickeln eines innovativen Projekts war. So bin ich nun seit 1 ½ Jahren Mitarbeiterin in Marburg im Familienhaus. Dort können sich Familien in Krisen sechs Wochen lang unter intensiver Begleitung eines Teams von Mitarbeitern der Jugendhilfe, der Kinder- und Jugendpsychiatrie und der Erwachsenenpsychiatrie aufhalten. Nach vielfältiger Diagnostik und Beratung werden am Ende der 6 Wochen Vorschläge für mögliche zukünftige Hilfen abgegeben. Ich betrachte es als ein Vorrecht, jetzt in einem Team arbeiten zu dürfen, in dem sehr viel Wertschätzung gegenüber den Möglichkeiten, aber auch gegenüber den Grenzen der Mitarbeiter und auch der Familien vorherrscht. Mein Bedarf an Arbeit mit Kindern ist komplett abgedeckt. Hier arbeite ich nur mit den Erwachsenen, mit den Kindern nur, wenn Emoflex Hilfe verspricht. Ich bin froh, dass ich nicht mehr mit einem ´Wust` von Dokumentationspflichten belastet werde. In das Nötigste kann ich mich einfügen, wohl vor allem, weil ich hier noch den Sinn der Dokumentation sehen kann. Ich konnte und wollte den Aufwand der ständig weiter anwachsenden Dokumentationspflichten in meinem vorherigen Arbeitsbereich nicht befolgen. Dadurch fühlte ich mich in meinem lebendigen Vorwärtsgehen ständig ausgebremst, weil immer mehr selbstverständliche Handlungsschritte zu Papier gebracht werden sollten. Ich war zu pädagogischer Arbeit angetreten, aber die im Laufe der Jahre entstandene Verschiebung der Aufgaben passte nicht mehr zu mir und belastete mich zunehmend, und Frustration und Erschöpfung bauten sich auf.
Unabhängig von diesen Verbesserungen meinen jetzigen Arbeitsplatz betreffend bestehen meine privaten Alltagsprobleme unverändert darin, dass ich vieles vergesse, verlege und verliere. Die Umerziehung als älterer erwachsener Mensch ist eben doch viel schwieriger als wenn junge Menschen diagnostiziert und behandelt werden. Kinder und Jugendliche können noch leichter zu hilfreichen Verhaltensänderungen angeleitet werden, eben durch das, was man multimodale Therapie nennt, aber wer coacht uns späterkannte ADS-ler, bei denen die Strukturen schon so festgefahren sind? Zum Beantragen meiner Rente werde ich wohl meinen Mann als Sachensucher brauchen. Da ich in jungen Jahren keine systematische Ablage meines Papierkrams begonnen habe, sind die dafür nötigen Dokumente aus unzähligen Mappen und Regalen zusammenzusuchen, die ich eigentlich an einem sicheren Ort hätte aufbewahren sollen.
Bezogen auf meine Ehe kann ich sagen: Mein Leben wäre im Chaos geendet ohne meinen Mann, und sein Leben wäre wohl ohne meine vielen, oft verrückten Ideen bestimmt viel langweiliger geworden. Dass unser Miteinander trotz mancher eigenen Krisen und solchen im Miteinander soweit gelungen ist, ist für mich neben unserem eigenen Einsatz schlichtweg Gnade.
Damit komme ich zu der Andacht von Uwe Metz. Ich bin auch Christ und schon vor Jahren konnte ich mir Petrus als ADHS-ler vorstellen. So impulsiv, mich selbst oft überschätzend und dann wieder zerknirscht bin ich auch oft. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Gott jeden ADS-ler, in welcher Form und in welchem Ausmaß er betroffen sein mag, in ein sinnvolles Leben begleiten möchte. Ich stelle mir vor, dass er sich schon darauf gefreut hat, uns in unserem bewegten Leben hilfreich begleiten zu dürfen, als er unserem Werden zusah. Wir können nach positiven Umdeutungen und neuen Wegen in den Situationen Ausschau halten, die im ersten Augenblick nach Zerbruch und Aussichtslosigkeit aussehen. In Krisen, und nicht nur dann, sollten wir uns schützen vor Menschen, die uns nur weiter schwächen und kleinmachen, sondern wir sollten uns Gesprächspartner suchen, die uns mit Wertschätzung begegnen und uns an der Stelle abholen, an der wir gerade sind und nicht da, wo wir gerne wären oder uns Andere gerne sähen.
Und weil aus unseren Schwierigkeiten und Macken etwas Brauchbares werden kann, gebe ich die Hoffnung nicht auf, für mich nicht und für die vielen bekannten und unbekannten anderen Betroffenen auch nicht.
Aus den genannten Artikeln und meinen Gedanken dazu ergeben sich für mich viele Fragen und Ideen. Drei davon will ich an dieser Stelle weitergeben:
1. Ich fände es spannend und hilfreich, wenn es ein Forum zum Austausch für Christen mit ADHS gäbe. Hat Jemand Ressourcen, so etwas aufzubauen?
2. Wie geht es anderen Menschen über 60 mit ihrem ADS? Vermutlich sind nur Wenige diagnostiziert. Könnte hier die Herausforderung für eine Diplom-oder Promotionsarbeit liegen?
3. Gibt es schon Erfahrungen über ALT SEIN mit ADHS? Vielleicht sogar bei Menschen im Rollstuhl oder in Altenheimen, wo fast alle Individualität an Formen und Zeiten angepasst werden muss? Sind alte Menschen mit ADHS hier neuen Traumatisierungen ähnlich ausgeliefert wie Kinder?
Gisela Bauer, Alte Kasseler Str. 14, 35039 Marburg, E-Mail: bauer-gisela@gmx.de
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