Dr. Dorothea Böhm über ihre Erfahrungen mit “SynestheticProcessing”/emoflex©

Eine Version dieses Artikels wurde bereits in Heft 4/2010 in den „neuenAkzenten“ des ADHS Deutschland e.V. veröffentlicht.

von Dr. Dorothea Böhm, Bielefeld

Emoflex – ein innovativer neuropsychotherapeutischer Ansatz aus Sicht einer Anwenderin.

Vorbemerkung

Vor dem thematischen Einstieg möchte ich kurz erläutern, wie und warum ich an das Thema Emoflex gekommen bin. Als Ärztin bin ich seit einigen Jahren neben meiner Vollzeitfamilienerziehungsarbeit als AD(H)S-Beraterin und -Coach tätig. Gleichzeitig bin ich Mutter eines ADS-Teens und selbst ADHS-Betroffene. Den Zustand defizienter automatischer Selbstregulation kenne ich gewissermaßen von außen wie von innen, was mir in meiner Rolle als professionelle Begleiterin Betroffener sehr nützt. (Zu meinem Glück habe ich ärztliche und andere Kollegen gefunden, die mich in der „Dreifachrolle“ ernst nehmen und mir weder Kompetenz absprechen noch meine bekundeten Schwächen für Koketterie halten). Ich berate die hiesige Elternselbsthilfegruppe als Expertin und nehme als Therapeutin an einem lokalen AD(H)S-Qualitätszirkel teil. Für die Einschätzung des folgenden Artikels möchte ich betonen, dass ich bei der Auswahl therapeutischer Optionen wissenschaftlich orientiert bin und für Qualitätsprüfungen und gesicherte Wirknachweise eintrete.

Für meine Klienten wie für mich selbst ist es wichtig, die durch AD(H)S entstehenden Probleme (Zeiteinteilung, Impulskontrolle, Konzentrationsausdauer, Handlungsplanung und – steuerung) bewältigen zu können. Daher bin ich fortwährend auf der Suche nach neuen effektiven therapeutischen Wegen. Dazu stehe ich im Kontakt mit weiteren Fachleuten, z.B. dem Kollegen Dr. Martin Winkler, ein langjähriger und überregional bekannter Experte für AD(H)S in der Klinik Lüneburger Heide. Ihm verdanke ich, mit Emoflex in Kontakt gekommen zu sein. Martin Winkler lernte ich vor mehr als 10 Jahren aufgrund seiner Administratorentätigkeit (www.adhs.ch) kennen, und ich habe ihn von je her dafür geschätzt, dass er wie ich wissenschaftsbasiert an das Thema AD(H)S herangeht. Im Herbst 2008 lud er mich ein, an einem Emoflex-Grundkurs von Johannes Drischel teilzunehmen. Er, Winkler, würde seit mehr als einem Jahr Emoflex bei diversen AD(H)S-Patienten mit zum Teil verblüffend schnellen und anhaltenden Erfolgen in der Klinik zum Einsatz bringen. Seiner Meinung nach verdiene diese neue Methode die Aufmerksamkeit aller, die im Bereich von AD(H)S therapeutisch oder beratend tätig sind. Der besagte Grundkurs präsentierte sich mir als ein selbsthilfezentriertes Gruppenseminar mit den typischen kleineren organisatorischen Mängeln eines Pionierprojekts und ausgesprochen interessanten, radikal neuen und überzeugenden Inhalten. Auch die Selbsterfahrung mit Emoflex in Paarübungen war positiv, man konnte sich nach der Einführung in die grundlegende Technik sofort selbst vor Ort von der Wirkung der speziellen Arbeitsweise überzeugen. Dabei stellte dieser völlig neue Ansatz die Grundkursteilnehmer vor verständnistheoretische Herausforderungen, hatten doch zumindest wir „Profis“ uns bisher ganz andere Konzeptionen von psychischen Blockaden und ihrer Bearbeitung angeeignet. Nach dem Grundkurs habe ich mich zur Teilnahme am allerersten Profi-Ausbildungskurs, dem sog. SRD-Kurs (SRD – Synchronisation der Regulationsdynamik nach Drischel) entschlossen und die entsprechenden Wochenendseminare über den Zeitraum von Dezember 2008 bis Juni 2009 belegt. Seit dem Programmabschluss wende ich Emoflex in meiner Arbeit als Artikel für die „neuenAkzente“ des ADHS Deutschland e.V. von Dr. Dorothea Böhm, Bielefeld AD(H)S-Coach immer wieder erfolgreich an. Vor der Beschreibung der Methodik soll Emoflex zunächst mit bereits etablierten Verfahren verglichen werden.

Emoflex im Kontext psychotherapeutischer Konzepte

Emoflex ist ein neuropsychotherapeutisches Verfahren, verwandt z.B. mit der Mitte der Neunziger Jahre von Francine Shapiro entwickelten traumapsychotherapeutischen Methode EMDR (1). Emoflex steht damit am bisherigen Ende der Entwicklung neuropsychotherapeutischer Konzepte und wird laufend weiter entwickelt. Die Vorstellung vom Zustandekommen psychischer Störungen und Erkrankungen hat sich mit den Jahrzehnten mehrfach gewandelt. Standen um den Beginn des 20. Jahrhunderts die psychoanalytischen (2), ab 1960 dann eher die psychologischen (3) Erklärungsmodelle im Vordergrund, so wechselte in den 80er Jahren die Perspektive zu einem überwiegend genetischen (4) und damit biologischen Ansatz. Heutzutage besteht Übereinstimmung, dass das Zusammenwirken von Körper und Geist komplex ist und eine interdisziplinäre und multidimensionale Betrachtungsweise verdient. Seit etwa 10 Jahren tragen die neuropsychotherapeutischen Ansätze nennenswert zur Erweiterung von Verständnis und Behandlungsoptionen bei. Ihre gemeinsame Grundlage besteht in den wissenschaftlichen Ergebnissen der Entwicklungspsychologie-, Traumaverarbeitungs- und hirnmorphologischen Forschung. Ein zentraler Begriff der genannten Ansätze ist das „psychologische Trauma“.

Trauma, Traumabewältigungsstörungen, emotionales Gedächtnis

Unter einem psychologischen Trauma versteht man ein Ereignis, das die Integrität der Psyche bedroht. Nach der American Psychiatric Association (1987) wird ein Trauma definiert als „Stress-auslösendes Ereignis außerhalb der üblichen menschlichen Erfahrung, welches Angst, Hilflosigkeitsgefühle, Entsetzen und Verzweiflung“ hervor ruft (5). Akut stellendiese Phänomene die posttraumatische Reaktion dar, sie ist als Teil des normalen Bewältigungsgeschehens anzusehen. Die Einordnung einer Erfahrung als „traumatisch“ verläuft unbewusst und oft auch unvorhersehbar und ist individuell sehr variabel (6). Ein und dasselbe Ereignis kann von manchen Menschen als wenig belastend, von anderen aber als eine die Integrität der inneren Ordnung des Gehirns (und des Körpers) bedrohende, mit einer überschießenden Aktivierung emotionaler, stress-sensitiver Regelkreise einhergehende, Erfahrung erlebt werden. Man spricht auch von individuell verschieden ausgeprägter Vulnerabilität (= Verletzlichkeit) (7), welche sowohl genetisch angelegt als auch entwicklungsbedingt erworben sein kann. Wenn es einem Individuum nicht gelingt, die Traumabewältigung erfolgreich abzuschließen, kann eine sog. PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) entstehen. Die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung einer PTBS ist abhängig von der individuellen Empfindsamkeit eines Menschen aber auch vom Trauma selbst. So liegt sie z.B. für Verkehrsunfallbeteiligung bei etwa 15%, bei Vergewaltigung aber bei mehr als 50% (8).

Das Störungsbild der PTBS ist geprägt durch:

· sich aufdrängende, belastende Gedanken und Erinnerungen an das Trauma (Intrusionen)

oder Erinnerungslücken (Bilder, Alpträume, Flash-backs, partielle Amnesie),

· Übererregungssymptome (Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, vermehrte Reizbarkeit, Affektintoleranz, Konzentrationsstörungen)

· Vermeidungsverhalten (Vermeidung trauma-assoziierter Stimuli) und · emotionale Taubheit (allgemeiner Rückzug, Interesseverlust, innere Teilnahmslosigkeit) · im Kindesalter teilweise veränderte Symptome (z.B. wiederholtes Durchspielen des traumatischen Erlebens, Verhaltensauffälligkeiten, z.T. aggressive Verhaltensmuster) Eine PTBS kann unmittelbar oder auch mit (z.T. mehrjähriger) Verzögerung nach dem traumatischen Geschehen auftreten (late-onset PTSD) (8), damit die Biographie eines Betroffenen schwer in Mitleidenschaft ziehen und Persönlichkeitsveränderungen oder Krankheiten zur Folge haben.

Der österreichische Psychiater Kampfhammer beschreibt es so: „Die zum Teil extremen autonom-nervösen Reaktionen auch noch Jahre nach dem ursprünglichen Trauma belegen eine hohe Intensität und mitunter eine Zeitlosigkeit der niedergelegten Erinnerungen und deren anhaltenden Einfluss auf aktuelle Erfahrungen (Pitman et al., 2000). Emotional aufgeladene Erinnerungsbilder werden in “assoziativen Netzwerken” gespeichert, die aus den sensorischen Elementen der traumatischen Erfahrung bestehen und von einer erhöhten Aktivität des autonomen Nervensystems begleitet sind. Wird eine ausreichende Anzahl dieser Elemente in einer Wahrnehmungskonfrontation aktiviert, dann wird die gesamte gespeicherte Traumaerinnerung getriggert“ (9), das heißt: in Gang gesetzt.

Dissoziation (Lat. “Trennung” oder “Zerfall”)

In der Psychologie versteht man unter Dissoziation, dass zusammengehörige Informationen, Wahrnehmungen, Gedanken etc. nicht miteinander in Verbindung gebracht werden können. Zwei oder mehrere mentale Prozesse, die normalerweise miteinander in Verbindung stehen (z.B. Bilder eines Erlebnisses, die dazugehörigen Gefühle, und im Gedächtnis gespeicherte Erfahrungen aus früheren Situationen), werden unter traumatisierenden Bedingungen geichsam aufgespalten, also dissoziiert, und dadurch nicht in Bewusstsein, Gedächtnis und/oder Selbstbild integriert. Hiervon können Sinneseindrücke, Gedanken, Erinnerungen, Gefühle, Körperempfindungen, Handlungsimpulse und sogar Bewegungsabläufe betroffen sein.

Dissoziationen sind ein Versuch des Gehirns, sich vor der Verletzung durch traumatische Affekte zu schützen. Klinisch besonders bedeutsam sind die dissoziative Amnesie, dissoziative Depersonalisation und dissoziative Derealisation (10). Bis vor kurzem ging man davon aus, dass ein linear-kausaler Zusammenhang zwischen auslösendem Trauma und Dissoziation besteht, aber seit einigen Jahren weiß man, dass der Zusammenhang zwischen Trauma, Erinnerung und Dissoziation sehr komplex ist. So konnte man nachweisen, dass zu Verträumtheit neigende Menschen nicht nur stärker dazu neigen, Dissoziationen zu entwickeln, sondern auch rückblickend Traumatisierungen angeben, die biografisch widerlegbar sind (11). Zu dieser Personengruppe zählen auch AD(H)S-Menschen.

AD(H)S ist häufig – und trotzdem häufig unverstanden

AD(H)S ist ein mit ca. 5-7% verbreiteter Persönlichkeitszustand, dessen Stärkeseite zu besonderem

Engagement und Leistungen befähigt, dessen Schwächenseite aber unter den heute üblichen Alltagsanforderungen (Erziehung, Schule, Ausbildung, Beruf, Elternschaft) zu ernsten Problemen Anlass geben und schlimmstenfalls die Gesundheit kompromittieren und das Leben zum Scheitern bringen kann. Das moderne Leben in den westlichen Indus-trienationen verlangt AD(H)S-Menschen vieles ab, was für sie erschwert, genauer gesagt widernatürlich, ist, wie z.B. längeres Stillsitzen und Zuhören (fremdbestimmte Inhalte), flexible Handlungssteuerung oder auch Geduld und diskret-vornehme Zurückhaltung. Neben der erhöhten Impulsivität, der evtl. vorhandenen Hyperaktivität und ganz besonders der verminderten Aufmerksamkeitslenkungsfähigkeit, die in den offiziellen Diagnosekriterien Eingang fanden, ist bei den meisten AD(H)S-Menschen die Emotionssregulation fragil und instabil. Ihre Gefühle springen schnell und stark an. Dies bewirkt, dass sie schon durch alltägliche Situationen wie kleinere Missliebigkeiten traumatisierbar sind. Umgekehrt bewirken Traumatisierungen eine Steigerung der emotionalen Instabilität. Dieser sich aufschaukelnde Zusammenhang trägt zu der erhöhten Gefahr der Dissoziationsbildung und damit auch der Probleme bei AD(H)S bei. Dem wird in den international üblichen Diagnosekriterien für AD(H)S allerdings kaum Rechnung getragen. Das Verständnis für den Zusammenhang zwischen Gefühlen, Traumata, Dissoziationen und Gehirnfunktionen steht erst in den Anfängen und wurde in den letzten 10 Jahren durch die Fortentwicklung der bildgebenden Verfahren stark erweitert. Die christlich-abendländische Trennung in den Leib (Wahrnehmen, Fühlen) einerseits und den Geist (Denken, Erinnern, Lernen) andererseits hat für das Verständnis psychischer Störungen Schaden angerichtet, indem man uns fälschlicherweise vermittelte, Fühlen und Denken würden unabhängig voneinander funktionieren. Wie man heute weiß, ist das Gegenteil zutreffend: Es besteht ein unlösbarer Zusammenhang zwischen Sinneswahrnehmungen, Emotionen, Denken, Erinnern, Lernen und den organischen Hirnstrukturen. Zusammengefasst kann man sagen: Negative Erfahrungen (und dabei ist die subjektive Einschätzung entscheidend!) verändern insbesondere in der frühen Kindheit nicht nur das Verhalten sondern auch das Gehirn. Dies gilt umso mehr, je empfindsamer ein Mensch ist und je heftiger die Gefühlsausschläge sind.

Modellvorstellung „Regulationsdynamik“

Alle Eindrücke und Erfahrungen erreichen unser Gehirn über die Sinnesorgane. Sie sind die Eingangskanäle für Information. Jede Erfahrung wird als erstes nach ihrer Bedeutung gefiltert, also emotional bewertet: gut oder schlecht für uns, bemerkenswert oder vernachlässigbar, erinnerungs- oder löschwürdig. Diese Bewertung („Labelling“) findet vor allem im Mandelkern (Amygdala) statt. Von da aus werden – in Abhängigkeit von der Bewertung – verschiedenste Mechanismen und Handlungen in Gang gesetzt: Interesse bekunden, ignorieren, wegrennen oder kämpfen. Insbesondere die Flucht- und Kampfsituationen mussten vormals blitzschnell in Gang gesetzt werden können, weil ein Umweg über das Großhirn (Nachdenken, Abwägen, Entscheiden) lebensbedrohlich gewesen wäre. Wenn man sich die zahllosen und großenteils noch unverstandenen Vorgänge im Gehirn modellhaft als eine Art „Regler-Mischpult“ vorstellt, stünden innerpsychische Prozesse als Vielzahl von Reglern miteinander in dynamischer Verbindung. Unter normalen und gesunden Bedingungen können sie sich stufenlos und mit einem leichten Widerstand hin und her bewegen, so dass z.B. ein schwacher Reiz eine geringfügige innere „Reglerbewegung“ bewirkt, ein stärkerer Reiz dagegen für größere Ausschläge sorgt. Ein solches Regulationssystem im Zustand von Gesundheit und Wohlbefinden bezeichnen wir als synchronisiert.

In dieser Modellvorstellung entspräche AD(H)S einem hochgradig empfindlich eingestellten Regulationssystem, wo schon ein schwacher Reiz eine starke Reglerverschiebung auslösen kann. Schlimmstenfalls kommst es zur „Verklemmung“ dieser Regler. Für diese Modellvorstellung kann man im Tierversuch (z.B. bei Strauchratten) hirnorganische Entsprechungen nachweisen: Selbst nur 10 Minuten dauernde, an drei aufeinander folgenden Tagen wiederholte Trennungen zwischen Muttertieren und Neugeborenen führen zu einem akuten Anstieg des Stresshormons Cortisol und tagelang erhöhten Spiegeln des Neurotransmitters Dopamin. Bei der späteren histologischen (Gewebe-) Untersuchung wird deutlich, dass selbst so kurzzeitige emotionale Verlassenssituationen das Gehirn der Jungtiere strukturell verändern. So waren z.B. die Zahl der Synapsen gegenüber den Vergleichstieren deutlich erhöht. Auswirkungen hat dies auch für das Verhalten: Als spätere Adulte laufen die Versuchstiere hektischer und desorganisierter in einer unbekannten Umgebung umher als die Kontrollgruppe (11). Mit anderen Worten, sie sind durch erstaunlich kurze emotionale Deprivationssituationen manifest hyperaktiv geworden, und zwar lebenslang. Im Model der Regulationsdynami, ist ihr System hyperreagibel geworden. Vermutlich sind die meisten Fälle von AD(H)S Kombinationen aus einer genetisch angelegten störungsanfälligen Grundstruktur und ungünstigen Faktoren in der frühen Kindheit, zu denen z.B. Frühgeburtlichkeit oder Zwillingsstatus gehören, und unter Umständen auch die Gruppentagesbetreuung im Säuglings- und Kleinkindalter. Diesbezügliche Verdachtsmomente ergeben sich durch die 2006 veröffentlichten Zwischenergebnisse der größten laufenden Krippenstudie der Welt, die sog. NICHD-Studie (12).

Jeder Mensch ist bestrebt, sein inneres Regulationssystem so lange wie möglich in einem “stabilen”, Zustand zu halten. Allerdings ist genau das für AD(H)S-Menschen erschwert, denn sie machen die Erfahrung, dass negative Gefühle schnell und stark anspringen und von fataler Haltbarkeit sein können. Während positive Gefühle zwar ebenfalls intensiv aber hinterher auch flüchtig wie Seifenblasen sind, zeichnen sich Scham- und Schuldgefühl, Wut oder Angst neben ihrer Intensität dadurch aus, dass sie – im oben beschriebenen Reglermodell gesprochen – erst weite Ausschläge machen und dann „hakeln“ pder gar „fest klemmen” können, so dass sie traumatisierend wirken und einer angemessenen Verarbeitung und Integration in den Erfahrungsschatz oft nicht zugänglich werden. Dies könnte einer der Gründe sein, warum AD(H)S-Menschen in erhöhtem Maß dazu neigen, oppositionell zu reagieren (13) und schlecht aus ihren Fehlern lernen, obgleich sie unter negativen Erfahrungen stärker als andere leiden, was einen für die erzieherische Umgebung kaum zu verstehenden Widerspruch darstellt. Diese fast tragische Tendenz zur Wiederholung potentiell traumatischer Erfahrungen könnte erklären, warum zwischen AD(H)S und posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) eine in Bezug auf die Richtung der Kausalität noch unklare Beziehung besteht (14).

Im verhaltenstherapeutischen Spektrum der Therapien haben sich verschiedene teils durchaus wirksame Behandlungskonzepte entwickelt, angefangen vom Selbstinstruktionstraining (15) bis zu Elternerziehungskursen (16). In diesen Ansätzen werden ungünstige Verhaltensweisen kognitiv bewusst gemacht, ein alternatives Verhalten vermittelt und nachfolgend durch Wiederholung trainiert. Dies ist zwar durchaus erfolgreich aber in hohem Maße abhängig von Selbstdisziplin, Ausdauer und Geduld. Dummerweise sind AD(H)S-Menschen genau darin keine Naturtalente, das heißt, das angestrebte Verhalten umzusetzen, kostet sie deutlich mehr Energie als Normstrukturierte. Außerdem „verglimpflicht“ sich im Falle des Erfolgs der verhaltenstherapeutischen Ansätze zwar das äußere Verhalten, aber die Gefühlsregulationskompetenz wird kaum oder (im Sinne eines sekundären Lerneffekts) mit großer zeitlicher Verzögerung verbessert. Analoges gilt für die derzeit übliche Medikation mit Stimulanzien. Sie sind effektiv gegen die Aufmerksamkeitslenkungsschwäche und erhöhte Impulsivität, in Bezug auf die Regulation der Emotionen sind sie jedoch kaum von Wirkung, sondern können im Gegenteil emotionale Ausbrüche noch verschärfen. Diese therapeutische Lücke kann Emoflex füllen.

Die Anfänge der Neuropsychotherapien

Die oben beschriebene (und nicht nur in Bezug auf AD(H)S sondern auch auf andere psychische Störungen) therapeutisch teils unbefriedigende Situation war in den Jahren 2000 – 2008 für Johannes F. W. Drischel (damals Arbeitserzieher in einer Jugendhilfeeinrichtung) Anlass, sich intensiv mit neuropsychologischen Konzepten bei der Verarbeitung emotionaler Belastungssituationen zu beschäftigen. Damit steht er in der Tradition einiger bekannter Wissenschaftler, z.B. Hubert Rohracher (17), der sich schon in den Fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts mit den physiologischen Grundlagen psychischer Prozesse beschäftigte, oder auch Klaus Grawe (18), der 2005 mit seinem Buch „Neuropsychotherapie“ ein wegweisendes Werk veröffentlicht hat, in welchem er die Ergebnisse der Neurowissenschaften sowie die modernen psychotherapeutischen Verfahren zusammen bringt. Weitere von Drischel eingearbeitete Konzeptionen entstammen dem neurolinguistischen Programmieren (NLP) (19) und, anteilig bedeutsamer, dem EMDR.

REM-Verarbeitungsmechanismus

Das von Johannes Drischel entwickelte Konzept Emoflex ist verblüffend in der Einfachheit seiner Basisprinzipien. Es lässt sich am ehesten mit dem nächtlichen Traumschlaf also REM-Schlaf (REM – rapid eye movement) vergleichen. Emoflex ist ein therapeutisch-aktiv eingesetzter REM-Mechanismus. Die Entdeckung der der Besonderheit der Traumschlafphasen liegt etwa 50 Jahre zurück. Eugen Aserinsky, Mitglied im Team des Schlafforschers Nathaniel Kleitmann, entdeckte 1953 in einem Schlaflabor in Chicago, dass sich währenddessen die Augen unter den geschlossenen Lidern in- und herbewegen (20). Die genauer Wirkweise der Rechts-Links-Augenbewegungen auf Hirnebene ist bis heute unverstanden aber wird bei Emoflex gezielt eingesetzt und im Folgenden als R-L-Stimulation bezeichnet. Emoflex besteht aus der Kombination angeleiteter synästhetischer Imaginationen kombiniert mit R-L-Stimulation. Die Anleitung mittelschnelle (ca. 1 Hz) horizontaler Augenbewegungen bildet die klassische Methode, es ist jedoch auch möglich, rhythmisch-alternierend leicht auf rechtes und linkes Knie, Schulter oder Handrücken zu klopfen. Was auf Hirnfunktionsebene in den REM-Phasen passiert, ist bisher nicht bekannt, unstrittig ist jedoch die enorme, sogar existentielle, Bedeutung. Jeder Mensch durchläuft nachts 3-5 Traumschlafphasen. Soweit man heute weiß, träumen alle Säugetiere. In den REM-Phasen ist das Gehirn ähnlich aktiv wie im Wachzustand, allerdings bei gleichzeitig deaktivierter Motorik. Säuglinge und Kleinkinder, deren Gehirn sich noch in Entwicklung befindet, träumen besonders viel, mehr als 50% ihrer Schlafzeit. Isolierter Traumschlafentzug (Wecken während der REM-Phasen) hat schon nach wenigen Nächten Auswirkungen im Sinne erhöhter Reizbarkeit, gesteigerter Impulsivität (21) und Absinken der Konzentrations- und Aufmerksamkeitsleistung (22). Auch Störungen des Arbeitsgedächtnis treten auf. Wieder ist hier eine Parallele mit AD(H)S zu erkennen. Nach Abschluss des Experiments wird der fehlender REM-Schlaf nachgeholt (23), indem während der nächsten Nacht häufigere und längere Traumschlafphasen eintreten.

Die REM-Phasen, die bei Erwachsenen etwa 20% der Gesamtschlafdauer ausmachen, stellen einen angeborenen und lebensnotwendigen Verarbeitungsmechanismus dar, von dem man vermutet, dass er in bisher ebenfalls unverstandener Weise die (emotionalen) Erlebnisse des Tages in den Fundus der Erfahrungen überführt (24) (25), da vor wenigen Jahren der Bildnachweis gelang, dass in REM-Schlafphasen ein besonderes Netzwerk zwischen Hirn- rinde (Cortex) und limbischem System aktiviert wird (26), welches auch in der Verarbeitung von Emotionen aktiv ist.

Störungen in der REM-Verarbeitung

Emotionale Belastungen, die den REM-Verarbeitungsmechanismus aus irgendeinem Grund nicht plangemäß durchlaufen, bleiben evtl. gewissermaßen unverarbeitet. Möglicherweise werden sie isoliert („³ dissoziiert) abgelegt und leisten ungünstigen Mechanismen Vorschub. Ein typisches Beispiel hierfür stellt z.B. die Entwicklung einer Phobie dar, denn sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie durch korrigierende Erfahrungen nicht beeinflussbar ist: Bei einer Spinnenphobie tritt die Angst auch dann auf, wenn es längst schon der Erfahrung entsprechen könnte, dass Spinnen ungefährlich sind, weil es hierzulande keine giftigen oder beißenden Spinnen gibt. Im Emoflex-Vokabular wird hier in Anlehnung an die Wortschöpfung der amerikanischen Psychotherapeutin M. Katherine Hudgins von „Traumablasen“ oder kurz „Blasen“ (27) gesprochen, die die dissoziativ-verdrängten Inhalte traumatischer Erfahrungen gleichsam langfristig konservieren. In Zeiten von emotionalen Belastungen können sie gewissermaßen an die Oberfläche steigen und fast ohne Anlass „getriggert“ werden. Wie aus dem Nichts heraus, erlebt der Betreffende dann einen Angstanfall. Hochsensible AD(H)S-Kinder erleben auch schon alltäglich-übliche Formen von Kritik in Schule und Familie als traumatisch. Gleichzeitig leiden sie oft an Schlafstörungen. Es ist statthaft zu vermuten, dass der REM-Verarbeitungsmechanismus bei ihnen überlastet ist, wenn nicht gar rundheraus gestört. AD(H)S könnte daher theoretisch auch eine Folge der Hochsensibilität (und nicht deren Ursache) sein.

Möglicherweise sind die in den gültigen Diagnoseschlüsseln aufgeführten Primärsymptome (Aufmerksamkeitslenkungsproblematik, mangelnde Konzentrationsausdauer) sowie die Gefühlsregulationsstörung, also nicht primär strukturell angelegt, sondern auf die Grundproblematik unzureichender REM-Verarbeitung bei gleichzeitiger Hochsensibilität zurückzuführen (28). Wenn das zuträfe, wäre Emoflex eine ausgesprochen sinnvolle weil ursächlich wirksame Therapie. Der Ansatz verdient daher, in den kommenden Jahren weiter angewendet, empirisch dokumentiert und mit wissenschaftlich Methoden untersucht zu werden.

Emoflex ist einfach anzuwenden und wirkt intuitiv

Die Basisformate v/stro/strongng/spanon Emoflex sind so einfach, dass sie sowohl für Therapie als auch zur Selbsthilfe durchführbar sind. Ausgesprochen diese Doppelfunktion ist für mich als AD(H)S-Mensch und Anbieterin von Coachings ein Umstand, der die Attraktivität des Verfahrens ausmacht. Die eigentlich herausragend vorteilhafte Eigenschaft von Emoflex ist allerdings vor allem die Intuitivität des Wirkmechanismus´: Anders als die behavioristischen Verfahren ist Emoflex unabhängig von Anstrengung, Selbstdisziplinierung und Beharrlichkeit, es wirkt „von selbst“ und auf unbewusster Ebene, ähnlich wie uns das nächtliche Träumen zur Verarbeitungen emotionaler Erfahrungen hilft, ohne dass wir unsere Traumphasen aktiv einsetzen und bewusst beeinflussen könnten.

SRD – Synchronisation der Regulationsdynamik nach Drischel

Im Modell von Johannes Drischel sind die Verhaltensprobleme bei AD(H)S ein Ausdruck der Asynchronizität der Regulationsdynamik. Asynchron deshalb, weil zwischen dem ein- gehenden Reiz (äußere Situation) und der emotionalen Bewertung (samt nachfolgendem Verhalten) eine störende oder gar krankhafte Diskrepanz entsteht, indem die Emotionsverarbeitung nicht mehr flexibel bzw. unbewusst verläuft, sondern in Form von Blockaden, Impulskontrollverlusten, Weinanfällen, Zornimpulsen o.ä. abläuft und damit die flexible und angemessene Verhaltensanpassung erschwert. Dieses Modell der Asynchronizität kann nicht nur für AD(H)S sondern auch für viele andere psychische Störungen angewendet werden. Emoflex führt im Idealfall zum Wiedererlangen der Synchronizität. Anders ausgedrückt, es kann Erlebnisse, Bewertungen, Gefühle und Verhalten wieder in Einklang bringen (synchronisieren). Deswegen wird das aus Emoflex abgleitete Therapieverfahren auch als SRD (Synchronisierung der Regulationsdynamik nach Drischel) bezeichnet.

Beschreibung des Basisformats von Emoflex

Der Klient ruft sich die Erinnerung an eine (negative oder positive) Emotion wach und wird anschließend dazu angeleitet, das Gefühl in sensorische Entsprechungen zu „übersetzen“. Gefragt wird entsprechend unserer Sinnesorgan-Kategorien nach Farb-Entsprechung („Welche Farbe könnte zu diesem Gefühl passen?“), Form, Größe, Entfernung, Oberflächenbeschaffenheit, Temperatur, Gewichtseindruck, Bewegung, Geräusch, Geruch, etc.. Es war für mich im Grundkurs eine eindrückliche Erfahrung, dass die Beantwortung dieser Fragen unerwartet leicht war, denn vorher konnte ich mir nicht vorstellen, wie ich ein Gefühl sensorisch „übersetzen“ soll. Gleichzeitig war erstaunlich, dass schon mit dem Beginn der Übersetzung der Druck eines negativen Gefühls sehr deutlich nachließ. Dieser Effekt intensivierte sich dann mit der R-L-Stimulation. Das negative Gefühl war hinterher erinnerbar, aber als Gefühl nicht mehr ins Bewusstsein zu rufen.

Es ist für den Erfolg nicht entscheidend, wenn nicht alle Sinnesqualitäten für eine Übersetzung abgefragt werden bzw. genannt werden können. Ziel ist, möglichst mehrere sensorische Eigenschaften zu finden, die zusammen ein schilderbares Bild ergeben. Dieses muss übrigens keineswegs einem physikalisch möglichen Gegenstand entsprechen, es dient lediglich als synästhetisch-konstruierte Imagination zur Weiterverarbeitung mit dem REMMechanismus. Johannes Drischel spricht daher von der Erstellung einer “interaktiven Metapher”. Sie fasst imaginativ-sensorisch die Qualitäten des Gefühls zusammen, bzw. repräsentiert die Emotion. Diese ist mittels R-L-Stimulation veränderbar, ähnlich, wie dies auch im Traumschlaf geschieht. Die Veränderungen können oft wiederum imaginiert, sensorisch übersetzt und verbalisiert werden. Die Veränderung der interaktiven Metapher entspricht der Veränderung des Gefühls. Diesen Ablauf kann man ein oder zweimal wiederholen, bis ein negatives Gefühl genügend gemildert ist.

Ziel ist, vormals unbewältigte Gefühle und Erfahrungen angemessen in die emotionale Verarbeitung zu integrieren. Gelingt dies, hat es oft erstaunliche Auswirkungen (siehe unten: Fallbeispiel). Blockaden lösen sich auf, Stress und Anspannung verbessern sich nachhaltig. Aber auch positive Gefühle können mit Emoflex stabilisiert und generalisiert werden. Die Abfolge aus angeleiteter synästhetischer Imagination und R-L-Stimulation ist das Basisformat von Emoflex und wird in den Grundkursen als Konzept der Selbsthilfe vermittelt.

Emoflex wirkt primär entstressend und entängstigend. Da Ängste meist wiederholt im Leben auftreten, ist es häufig sinnvoll, die Dimension der Zeit in das Behandlungskonzept zu integrieren. Durch die Kombination mit einem Zeitstrahl (Time-Line) als visuell-räumliche Repräsentation der Zeit (29) kann die biografische Einordnung verbessert und der Erfolg von Emoflex mit mehr Nachhaltigkeit versehen wer- den. Die Indikationen für Emoflex reichen von einfachem Stress (klassische Selbsthilfe-Indikation), über Ängste und Blockaden bis hin zu teils dissoziativ bedingten körperlichen Symptomen, wie Migräneattacken und psychosomatischen Schmerzen. Die Palette der Anwendungen erweitert sich zunehmend, weil Johannes Drischel das Verfahren weiterentwickelt und neue Formate erstellt. Neueste Schwerpunkte sind Berufsstress und Burn-out. Anlässlich der besorgniserregenden Zunahmen von stressbedingten Zusammenbrüchen spezialisiert sich Johannes Drischel momentan auf deren Behandlung mit Emoflex. Zur spürbaren Verbesserung von Überstressungssymptomen sind oft nur wenige Sitzungen nötig, manchmal reicht eine einzige.

Zu den Inhalten des SRD-Ausbildungskurses

Im SRD-Ausbildungskurs für professionelle Anbieter werden erweiterte und differenziertere Formate des Einsatzes von Emoflex vermittelt, mit denen das Verfahren sowohl analytisch- diagnostisch als auch erweitert therapeutisch einsetzbar ist. Die komplexen Emoflex- Formate sind Bestandteil der an 4 – 5 Wochenenden stattfindenden SRD-Ausbildung zum Emoflex-Anbieter. Im Folgenden seien einige ausgewählte Formate beschrieben, als erstes z. B. die sog. „Video-Timeline“, eine Technik, mit der man Abläufe als „Filmabschnitt“ beschreibt, sich einzelne Punkte herausgreift, indem man gewissermaßen „Standbilder“ anfertigt, die dazugehörigen Gefühle mit der Emoflex-Arbeitsweise integriert und letztlich einen „neuen“ Filmabschnitt generiert mit dazu passender neuer emotionaler Beurteilung der Situation. Die interaktive Metapher eines Filmabschnitts verhilft nicht nur zu der Standbildoption sondern auch zur Möglichkeit eines langsamen oder schnellen Vor- oder Rückspulens, sowie zum Filmschneiden mit neuer Zusammenfügung, jeweils mit der Möglichkeit, die dadurch evtl. entstehenden Irritationen wiederum per Emoflex zu modifizieren und integrieren. Im sogenannten „Format Gold“ geht man mit Hilfe von Emoflex auf die Suche nach echten, wirksamen und haltbaren Ressourcen. Interessanterweise sind echte Ressourcen sehr selten spektakuläre und singuläre Gefühle sondern verbergen sich viel eher in alltäglichen und äußerlich wenig auffälligen Gefühlen wie z.B. einer guten vertrauensvollen Partner- oder Freundschaft. Der Name „Format Gold“ entstand aus der Erfahrung, dass derlei Ressourcen auffällig häufig die Form einer goldenen oder gelb-leuchtenden (schwebenden) Kugel annahmen. Als aktiv einsetzbare Gegenmittel können sie wirksam helfen, Belastungen gleichsam aufzulösen (siehe dazu ebenfalls das „Beispiel aus der Praxis“, unten).

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In anderen Formaten wird von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, Zeit nicht linear sondern räumlich zu repräsentieren. Im „Fehlfarben-Flug“ z.B. leitet man einen Klienten mit Angst vor engen Räumen an, sich vorzustellen, er flöge mit einem Hubschrauber (oder Fesselballon) über die Landschaft seiner Erinnerungen und könne mit Hilfe einer Spezialbrille alle die Strukturen rot aufleuchten lassen, die er mit dieser Angst in Verbindung bringe. Sofern diese Imagination gelingt, kann man anschließend den roten Bereichen Aufmerksamkeit schenken, und versuchen zu ermitteln, ob es viele oder wenige sind, ob es „Cluster“ gibt, also Häufungen an einem Ort, was bedeutet, dass in einem bestimmten Lebensabschnitt besonders viele belastende Situationen gegeben hat, ob es im Verlauf der Flugbahn eher mehr oder weniger rote Bereiche gibt, oder ähnliches. Man kann einzelne rote Gebiete umfliegen und die dazugehörigen Gefühle einzeln per Emoflex verarbeiten. Am Ende kann man versuchen zu ermitteln, ob sich die roten Bereiche in Ausdehnung oder Zahl verändert haben.

Auch die Funktionsweise der Sinnesorgane ist einer Analyse und Bearbeitung mit einem komplexen Emoflex-Format zugänglich, wobei z.B. das Sehen oder auch Hören in Form gerichteter Linien oder Pfeile imaginiert werden, die wir als „Vektoren“ bezeichnen. Stabilität, Ausmaß und Verlauf der Vektoren verrät viel über die unterbewussten Konzeptionen des Seh- oder Hörsinns bzw. der visuellen und auditiven Verarbeitung. Einseitige Hör- oder Sehschwächen drücken sich z.B. klassischer Weise als Asymmetrien der Vektoren aus. In dieses Format eingearbeitet sind bildlich-imaginative Repräsentationen von Phänomenen wie Unaufmerksamkeit, Ablenkbarkeit, Fokus und Hyperfokus. Diese Formate aus dem SRD-Kurs bilden nur eine kleine Auswahl der bisher entwickelten Emoflex-Formate, sie haben bemerkenswerte Neuerungen in die Psychotherapie eingebracht und befinden sich weiterhin im Prozess, ihr Potential zu entwickeln.

Ein Beispiel aus der Praxis

Ein 22-jähriger Mann, der im Rahmen seiner Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann ein Praktikum in einem Getränkegroßmarkt absolvierte, drohte diese Stelle zu verlieren, da er sehr langsam arbeitete. Subjektiv litt er unter der Angst, die Getränkekistenstapel könnten einstürzen. Dadurch arbeitete er sehr langsam, sorgfältig und unter großer innerer Anspannung. Es ist ihm niemals ein Kistenstapel umgefallen, er schaffte jedoch nicht annähernd das geforderte Pensum. Er kam als Klient zur Bearbeitung dieser Angst, da das Praktikum für ihn obligat war, er es also erfolgreich absolvieren musste. Die erste Übersetzung dieser Angst war ein blauer, kalter, 3cm dicker Eispanzer mit nasser Oberfläche, der ihn vollständig einhüllt und drückend auf ihm lastet. Auf die ersten Augenbewegungen eskalierte die interaktive Metapher noch, indem der Eispanzer noch kälter, enger, dicker und blauer wurde. In einem zweiten Schritt wurde als Ressourcenaktivierung ein positives Gefühl bearbeitet. Der junge Mann hatte mit 15 Jahren zwei Kaninchen besessen, deren Fütterung und Streicheln ihm ein ausgesprochenes Wohlgefühl im Sinne von Behaglichkeit vermittelt hatte. Dieses Gefühl war in der Übersetzung eine hellbraune, große (> 1m Durchmesser), warme, leichte, schwebende Fellkugel mit samtweicher Oberfläche, die sich nach der R-L-Stimulation aufhellte zu einem fast weißen Hellbraun, die anderen Parameter blieben unverändert. Der junge Mann wurde dann gebeten, Eispanzer und Fellkugel gemeinsam zu imaginieren, in etwa so, als ob man zwei Dias auf dieselbe Fläche blendet. Als er angab, diese doppelte Metapher sehen zu können, wurden wiederum Rechts-Links-Augenbewegungen angeleitet. Gefragt, was er nun sehe, gab er an, die Fellkugel sei unverändert, aber der Eispanzer sei eine Wasserpfütze geworden. Nach einem weiteren Durchgang der Augenbewegungen war die Fellkugel wiederum unverändert und die Wasserpfütze verschwunden. Der Klient gab an, sich sehr wohl zu fühlen, und wurde verabschiedet.

Bei der Wiedervorstellung nach 14 Tage gefragt, wie es um das Praktikum im Getränkemarkt stünde, sagte er, alles liefe prima, seine Angst sei schon am Tag nach der Behandlung verschwunden gewesen und bis jetzt nicht wieder gekommen. Er hätte das nie gedacht. Weitere acht Wochen später war sein Praktikum erfolgreich beendet, sein Zustand war stabil geblieben, und die eingangs beschriebene Angst war nicht wieder aufgetreten. Dieses Beispiel ist das pointierteste meiner bisherigen Erfahrung und damit besonders präsentabel. So spektakulär geht es nicht immer zu. Manchmal bemerken die Klienten nur diskrete oder keine Effekte. Typischerweise ahnt man dies oft voraus, denn manchmal verändern sich die interaktiven Metaphern mit den Augenbewegungen nur wenig. Das Verfahren scheint nicht für jeden Klienten gleich effektiv, insgesamt jedoch recht sicher zu sein, negative Auswirkungen sind bisher in keinem Fall aufgetreten, und fast alle Klienten fühlten sich unmittelbar nach dem Einsatz von Emoflex subjektiv wohl, manche geradezu beschwingt und glücklich.

Bewertung

Emoflex hat das Spektrum der neuropsychotherapeutischen Verfahren erweitert und z.B. gegenüber EMDR den entscheidenden Vorteil, dass die Gefahr der Re-Traumatisierung viel geringer ist. In EMDR wird die traumatisierende Situation bewusst erinnert, das ist je nach Ausprägungsgrad der Traumatisierung recht heikel, mindestens aber unangenehm. In Emoflex wird ein Negativgefühl in eine sensorisch-synästhetische interaktive Metapher übersetzt, die auf der Ebene des Bewusstseins prompte Distanz zur bearbeiteten Emotion schafft, weil diese nur noch gleichsam als Spur im Hintergrund mitläuft. Von diesem erstaunlich prompt eintretenden Effekt kann sich jeder Interessierte auch schon im Rahmen eines Grundkurses selbst überzeugen.

Emoflex kann meinen bisherigen Erfahrungen nach durch die Arbeit mit inneren Bildern, bestehend aus den zur Emotion passenden Sinnesqualitäten, als Selbstanwendung zum Lösen von Blockaden aber auch Aktivieren von Ressourcen eingesetzt werden. Weiter entwickelte Anwendungsmöglichkeiten zielen auf die Stabilisierung der Reizfilter, z.B. in Bezug auf die Überempfindsamkeit gegenüber den Gefühlen anderer Personen, sein, oder auch die positive Beeinflussung der Aufmerksamkeitssteuerung. Hier ergeben sich neue therapeutische Ansatzmöglichkeiten, insbesondere für die Arbeit mit AD(H)S-Kindern, die für jedes Selbstinstruktionstraining zu jung, und für die ein solches intuitives Verfahren speziell geeignet ist. Emoflex lässt sich mit anderen Therapie- und Selbsthilfeansätzen kombinieren sowie zur eigenen Psychohygiene im Sinne einer „Entstressung“ verwenden. Eine wissenschaftliche Beschreibung des Verfahrens und seine unabhängige Evaluation wären wünschenswert und lohnend.

Danksagung

Johannes Drischel gebührt großer Dank für eine innovativ-kreative Leistung, ein revolutionär neues Konzept des Verständnisses und der Behandlung psychischer Störungen entwickelt zu haben. Ohne Dr. Martin Winkler hätte ich Emoflex nicht kennengelernt, daher bedanke ich mich hiermit bei ihm für seine Ermutigung, einen neuen Ansatz kennen zu lernen. Dr. Susanne Lehmkuhl-Eichhorn stand mir in der Paararbeit für zahlreiche Emoflex- Selbsterfahrungen sowie als fachkundige Diskussionspartnerin zur Verfügung. Alle drei Genannten haben mich bei der Erstellung des Artikels beraten und hilfreiche Ergänzungen eingefügt.

Autorin: Dr. Dorothea Böhm, (*4.4.1962), verheiratet, 2 Kinder, Ärztin, AD(H)S-Coachings,

Emoflex, Adresse: Am Alten Dreisch 32b, 33605 Bielefeld, Tel: 0521 9201444

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