“Fühlen in Bildern”

Fühlen in Bildern, ressourcenorientierte Therapie bei ADHS

Johannes Drischel und Dr. Martin Winkler

Wenn man die herkömmlichen Diagnosekritierien des Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms mit oder ohne Hyperaktivität liest, fehlen zunächst jegliche Hinweise auf emotionale Besonderheiten. Dabei stellt eine affektive Labilität (Stimmungsschwankungen bzw. hohe Empindsamkeit) und erhebliche Probleme in der Gefühlsregulation gerade ein, ja vielleicht DAS Hauptproblem für viele Betroffene dar.

Wenn eine Sache oder aber die damit verknüpfte Person als subjektiv positiv bzw herausfordernd im Sinne von Hilfsbereitschaft, Wettkampf oder sonstiger Herausforderung eingeschätzt wird, ist das ADHSler-Gehirn zu wahren Höchstleistungen in der Lage. Langeweile, Monotonie und besonders die angenommene Kritik oder Ablehnung durch eine Person führt aber zum raschen Nachlassen bzw. Blockieren der Anstrengungsbereitschaft. Das eigentliche Potential kann nicht umgesetzt werden. ADHS-Klienten benötigen Menschen, die ihnen gut tun. Also ein “gutes Gefühl” bzw. Stabilität “leihen”.

Man könnte fast behaupten, dass ADHSler ständig auf der Suche nach dem “stabilen” Gefühl sind bzw. in ständiger Angst leben müssen, dass dieses Gefühl “klemmt” bzw. es zum nachfolgenden Gefühlsabsturz kommt. Damit kann sich aber auch eine starke Abhängigkeit zu bestimmten Personen ergeben; oder aber eine starke Abneigung bis hin zu totaler Verweigerung gegenüber Menschen, bei denen das Gefühl “nicht stimmt” oder aber nicht klar ersichtlich ist, was sie von einer Person erwarten. Dabei ist gerade bei Erfolgen bzw. einer scheinbar guten Stimmung und Phase von Erfolg im Hinterkopf schon die Angst vor dem “Absturz” bzw. einer Kleinigkeit zu spüren, die dieses Erleben von kurzzeitiger Stabilität zum Einsturz bringt.

Während positive Gefühle flüchtig wie eine Seifenblase sind, scheinen sich negative Erlebnisse bzw. Emotionen wie Scham, Schuld oder Angst scheinbar überhaupt nicht abzuschütteln zu lassen. Das Gefühl “klebt”. Doch nicht genug damit: Negative emotionale Erlebnisse scheinen einer angemessenen Verarbeitung im Gehirn des ADHSlers nicht zugänglich zu sein. ADHSler lernen daher auch nicht (so leicht) aus Fehlern.

Andererseits ist Veränderung bzw. Annahme von Kritik und Ratschlägen nur unter super-optimalen Bedingungen möglich, die Lehrer und vielfach die eigenen Eltern aufgrund der emotionalen Betroffenheit nicht bieten bzw. leisten können. Eine Veränderung des eigenen Standpunktes bzw. Handeln in eine gewünschte Richtung ist bei vielen ADHSlern nur dann möglich, wenn es für einen selber plausibel und nachvollziehbar ist, d.h. der Sinn und Zweck klar erkennbar, klar emotional als positiv bewertet spürbar ist. Schon der Hauch eines Zweifels reicht, damit aus einer höchst motivierenden Bereitschaft eine Ablehnung wird. Dies führt sehr lange zu einer ausgeprägten egozentrischen Sichtweise, bei der der eigene Standpunkt als einzige Sichtweise akzeptiert wird.

Viele ADHS-Kinder, Jugendliche und letztlich auch Erwachsene sehen sich ständiger Kritik bzw. Korrekturen ausgesetzt. Dabei geben sie sich aus der eigenen subjektiven Wahrnehmung doch solche Mühe, wollen sicher nicht negativ auffallen. Auch in der Therapiesituation werden sie häufig zunächst auf Defizite bzw. Störverhalten angesprochen bzw. zur Korrektur aufgefordert. Das mag dann gelingen, wenn eine nette Psychologin bzw. der Therapeut in der Therapiestunde ein gutes Gefühl erzeugt, wie es beispielsweise häufig in der Ergotherapie gelingt. Die Übertragung dieses Ergebnisses in den Alltag ist schon eine ganz andere Sache. Eine herkömmliche Verhaltenstherapie kann so schnell an Grenzen stoßen, da eben überwiegend Gedanken und Einstellungen, weniger aber die Gefühle verändert werden können. Was also im Übungsraum der Praxis noch so einfach gelang, wird schon wenige Wochen später im Alltag versanden.

Dies war Anlass sich einmal intensiver mit der normalen Verarbeitung von emotionalen Erlebnissen in unserem Gehirn zu beschäftigen und daraus neue Ansatzpunkte für ein therapeutisches Vorgehen zu entwickeln.

Jeder von uns macht jede Nacht die Erfahrung, dass emotional geprägte Ereignisse in Form von Träumen verarbeitet werden. Gerade die “Träumerchen” mit dem unaufmerksamen Subtyp des ADHS/ADS haben hier möglicherweise eine Art ungenützte und leider eben auch nicht kontrollierbare Ressource. Aber hier scheint es eben doch eher ein Aussteigen aus einer Belastungssituation oder Langeweile zu sein, als eine gezielte Erholung oder Verarbeitung von Gefühlen. Dabei ist die Verarbeitung von emotionalen Belastungen bzw. Ereignissen über den Traum in Form von schnellen Augenbewegungen, dem sog. REM-Schlaf (Rapid Eye Movement) quasi der angeborene Sortiermechanismus des Gehirns, der die Erlebnisse des Tages im Traum einer Verarbeitung von Gefühlen und Abspeichern von Erlebnissen ermöglicht.

Wir wissen heute, dass dieser “Sortierer” bei ADHS-Kindern mehr zu tun bekommt, aber aufgrund von Schlafstörungen bzw. Unruhe ADHS-Kinder ca. 15-18 Minuten weniger REM-Schlaf in der Nacht bekommen, als es die Kids ohne ADHS haben. Mit erheblichen Folgen. Je mehr emotionale Erlebnisse von Zurückweisung, Kritik, Versagen in der Schule, Spannungen in der Familie oder sonstige Irritationen auftreten und je weniger davon in der Nacht verarbeitet werden kann, desto mehr sammelt sich dieser “emotionale Sondermüll” an.

Die Folgen bei einem Computer mit zu vielen offenen Fenstern oder Dateien wären einleuchtend: Das System wird immer langsamer und anfälliger, es kommt zu Blockaden und Abstürzen. Und so ähnlich läuft es auch in unserem Gehirn. Anders ausgedrückt: Je weniger Traumschlaf-Verarbeitung und je mehr emotionale Belastungen, desto eher ist das emotionale Verarbeitungssystem im Gehirn bei ADHS in Gefahr zu dekompensieren. Die Kraft und Aufmerksamkeit geht nur noch dahin, diese emotionalen Belastungen im Zaum zu halten.

So erleben sensible Kinder/ Lehrkräfte in der Schule Situationen, die Erinnerungen mit einer trauma-ählichen Erlebnisqualität erzeugen. Situationen, die bereits erlebten stressbeladenen Erinnerungen entsprechen, können nicht umgangen werden und der Stress wird so häufig wiederholt. Der Schulalltag erzeugt so, ohne eine zeitnahe Aufarbeitung eine multiple Wiederholung von nicht zu verarbeitenden emotionalen Belastungen, die wie ein wiederkehrendes Trauma von Kindern (und natürlich auch Eltern) erlebt werden (“und täglich grüßt das Murmeltier”). In diesen hier beschriebenen Situationen ist das Kind (aber auch die Lehrer bzw. Eltern) nicht im üblichen Maße lernfähig. Die Möglichkeit das Gegenüber in rechter Weise zu verstehen und aufeinander einzugehen ist stark eingeschränkt. In einem Lampenfieberzustand – die wohl bekannteste Form dieses Erlebens – ist die Lernfähigkeit, die Erinnerungsfähigkeit und auch die Kommunikationsfähigkeit weitgehend verlorengegangen. Der Betroffene erlebt eine, wenn auch vorübergehende, starke Einschränkung. Das Kind macht einmal mehr die Erfahrung „dumm“ zu sein.

Zumindest aber entsteht das Gefühl, dass ganz normales Denken, Fühlen und Erleben “klemmt”. Gerade scheinbar selbstverständliche Dinge oder der Abruf von Wissen gelingen nicht (mehr). Es muss also nicht immer nur eine Frage der Aufmerksamkeitsstörung und Ablenkbarkeit sein, wenn ein ADHS-Kind angibt, in der Schule sich nicht (mehr) konzentrieren zu können oder Wissen in einem mündlichen Beitrag oder der Klassenarbeit nicht abrufen zu können.

Gefühlte Bilder und eine andere Art der Verarbeitung

Wir sehen einen neuen Ansatz zur Veränderung dieser Problematik, die wir als „Synchronisation der Regulationsdynamik nach Drischel “ (kurz SRD) bezeichnen. Synchronisation bedeutet, dass Gefühl und Erleben übereinstimmen sollen, wie es etwa Synchronturmspringer im Sport anstreben.

Nicht alle Kinder sind gleich, so wie es beispielsweise in der Pflanzenwelt halt den robusteren Löwenzahn und die an die Standortbedingungen wesentlich anspruchsvolleren Orchideen gibt. Aber sie alle haben ihre individuellen Schönheiten und Besonderheit!

Wenn die Emotionsverarbeitung nicht mehr flexibel bzw. unbewusst verläuft, sondern als störend empfundene, in unser alltägliches Bewusstsein hinein als wiederkehrende Blockaden, Impulskontrollverluste, durch Weinanfälle, Zornimpulse oder aber andere psychische und somatische Phänomene hinein, Einfluss gewinnt, wird uns diese besondere Leistung des Gehirns erst richtig bewusst. Aber dies lässt sich eben auch leicht verändern.

emoflex® und SRD – Wie wird es gemacht?

Wir übersetzen Emotionen in abstrakte, räumlich vorstellbare Bilder. Dazu fragen wir entlang der Sinnesqualitäten und helfen so zu einem vorstellbaren Bild zu kommen, die wir auch als “interaktive Metapher” bezeichnen. Eine interaktive Metapher ist also quasi ein Platzhalter (Variable wie in der Mathematik), der als vorgestelltes Bild Qualitäten der Gefühle zusammenfasst.

Wenn man nun mit dem Fokus auf dieser “interaktiven Metapher” 5-10 Augen-bewegungen oder eine andere Form der Rechts-Links-Aktivierung ausführt, verändert sich die Emotion spontan, die Metapher folgt der Veränderung und ändert sich mit. Deshalb nennen wir die Metapher “interaktiv”. Das vorgestellte Bild ändert sich, damit aber auch die emotionale Bewertung der damit einhergehenden Erfahrungen.

Die so veränderten Emotionen bleiben stabil anders, als sie es zuvor waren. Man kann das mit Emotionen prüfen, die sich zuvor sehr zuverlässig immer gleich gezeigt hatten. z.B. mit Emotionen aus Panikzuständen, Ärger mit Lehrern oder Eltern oder aus einer akuten Stressreaktion.

Führt man Augenbewegungen aus, während man solch eine Form fokussiert, werden große Teile der dazugehörigen Erinnerungsinhalte direkt der REM-Verarbeitung (wie im Traumschlaf) zugeführt und Blockaden lösen sich auf.

Ressourcen bei ADHS

Diese Arbeit mit inneren Bildern sehen wir als eine starke Ressource von Klienten mit ADHS. In Bildern zu fühlen bzw. Gefühle oder Probleme in Bilder zu übersetzen fällt ADHSlern leicht. Häufig können sie sich ja sogar gar nicht von den Bilderfluten in ihrem Kopf abgrenzen (auch hier kann diese Technik hilfreich zum Sortieren sein). Wir nutzen also die bisher ungezielte Tagträumerei quasi als bewusste Therapie- und Selbsthilfetechnik.

Vielleicht noch wichtiger: Auch Erfolge oder positive Gefühle werden „haltbarer“, negative Gefühle und Blockaden veränderbar.

Vieler unserer Patienten reagieren überrascht, wenn ich zu Beginn eines Aufnahmegespräches nach einem Gefühl frage, das “besser als erwartet” sei. Einen Moment, in dem alles leicht und mit großem Spaß gelingt. Das kann beim Musik machen, während eines Computerspiels, oder beim Fahrradfahren, beim Erklimmen eines Berges sein. Dieses Gefühl “fangen” wir ein, indem wir fragen:

Dies möchten wir am Beispiel der 12-jährigen Tanja beschreiben, die in Begleitung ihrer Mama kam:

Nun gut. Tanja gab als tolles Gefühl das Schlagzeugspielen an. Es fiel ihr leicht, eine “Übersetzung” zu liefern. Schlagzeug spielen ist ein grüner, hell glänzender Gummi-Flummi, der auf und ab springt. Lauwarm, etwas rauh in der Oberfläche. (Üblicherweise fragen wir hier gezielt nach Untereigenschaften, Tanja konnte es so).

Dann sollte sie 10 mal dem Finger meiner Hand von rechts nach links folgen.

Tanja berichtet, dass der Flummi etwas leuchtender wird und nicht mehr umherspringt. Er fühle sich “noch besser” an.

Von sich aus kommt Tanja auf die Idee, dass sie sich durch die Vorstellung des Flummis ein gutes Gefühl machen könnte, wenn es mal in der Schule nicht so klappt. Und sie hat auch gleich ein Beispiel parat :

Der Spanisch-Unterricht. Spanisch sei ein tolles Fach. Aber die Lehrerin sei so gar nicht lebendig und “spanisch”. Der Flummi werde dann zäh und klebrig, eher grau und eckig. (hier wird deutlich, was der interaktive Aspekt dieser abstrakten Metaphern ist!)

Es “hake” einfach, obwohl sie eigentlich das Fach ja schön und interessant fände.

Tanja hat selber eine Übersetzung ihres Gefühls vorgenommen, drückt also das Gefühl schon fast selbstverständlich in einem Bild aus.

Ich schlage ihr vor, auch darauf einmal Augenbewegungen zu machen.

Diesmal macht Tanja dies selbstständig, in dem sie sich 2 Punkte im Raum sucht und den Blick hin und her wandern lässt.

Der graue, zähe Würfel verändert sich zunächst in der Farbe. Nach einem erneuten Set von Augenbewegungen wird daraus wieder ein grüner Flummi.

Tanja wirkt sichtlich befreit.

Wir haben offensichtlich eine Bildersprache gefunden, die nah am emotionalen Erleben von Tanja ist.

Ich greife das Bild auf und frage sie, ob sie ähnliche Erfahrungen und Gefühle schon häufiger erlebt habe. Dies bejaht Tanja natürlich. Sie fängt an mir eine ganze Reihe von “eckigen” Erlebnissen zu berichten. Ich unterbreche sie und biete ihr vielmehr ein neues Werkzeug für die Verarbeitung an.

Dazu fordere ich Tanja auf, sich einen Zeitstrahl an meiner leeren Zimmerwand vorzustellen. Sie solle sich ein “früher” und ein heute bzw. Zukunft in der Richtung festlegen und dann das “eckige Kaugummigefühl” wie Graffitipunkte auf dem Zeitstrahl erscheinen lassen. Was vielleicht zunächst merkwürdig klingt, gelingt ihr kinderleicht und selbstverständlich (ein Grund, warum wir dieses Verfahren auch gerne bei Kindern anwenden).

Tanja kann schnell eine ganze “Flummisammlung” visualisieren. Die Besonderheit dabei ist, dass diese alle gleich aussehen, sich alle gleich anfühlen. Hier wird ein Phänomen regelrecht sichtbar, das viele Betroffene kennen: Bei einer neuen emotionalen Verletzung werden quasi alle alten Wunden aufgerissen. Gleichsam als ob alle Flummis auf dieser Zeitleiste dadurch gleichzeitig in die Luft gewirbelt werden und im Kopf ein regelrechtes Durcheinander anrichten.

Tanja hat jetzt schon das Prinzip kapiert und macht selbstständig Augenbewegungen, diesmal über die Zeitleiste. Die Punkte fangen an, sich zu unterscheiden. Die Größe nimmt zur Gegenwart hin immer weiter zu, auch in der Farbe bemerkt sie eine Veränderung. Die emotionalen Eindrücke werden unterscheidbar.

Ich frage Tanja, ob sie ein “1. Mal” erkennen kann. Sie schildert eine Episode aus dem Kindergarten. Sie muss wohl 4 Jahre alt gewesen sein. Sie hatte sich auf einen tollen Vormittag mit ihrer besten Freundin gefreut. Doch es lief anders als erwartet. Zunächst waren die Hausschuhe nicht zu finden, die Buntstifte abgebrochen, ihre Freundin ignorierte sie zudem. Alles lief schief und weder die nette Kindergärtnerin noch später ihre Mutter konnte ihre miese Laune aufhellen.

Also “ganz normal” würde man als ADHS-Eltern sagen.

Eben ! ADHS-Kinder erleben ganz normale Irritationen eben anders als erwartet. Sie „merken“ sich aber diese Erlebnisse und ähnliche Erfahrungen lassen sich eben nicht so einfach abschütteln.

Wir glauben, dass die Arbeit mit inneren Bildern eine Möglichkeit zur Selbstanwendung zum Lösen von Blockaden aber auch zum Aktivieren von Ressourcen sein kann. Weiter entwickelte Anwendungsmöglichkeiten können auch die Reizfilter speziell gegenüber der Überempfindsamkeit zu den Gefühlen anderer Personen (z.B. beim Mobbing) sowie der Aufmerksamkeitssteuerung selber beeinflussen. Hier ergeben sich nach unseren bisherigen Erfahrungen neue therapeutische Ansatzmöglichkeiten für die Arbeit mit ADHS-Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Natürlich lässt sich das Verfahren aber auch prima mit anderen Therapie- und Selbsthilfeansätzen sowie zur eigenen Psychohygiene verwenden.

Dr. Martin Winkler  -   Johannes Drischel

winkler@adhs.ch    –    info@emoflex.de

© Johannes F.W. Drischel 2011

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